
Was bedeutet Freiheit für Euch?
In der ehemaligen DDR vermutlich alles. Warum sonst sollten einige, sehr mutige Menschen den Versuch gestartet haben, unter Einsatz ihres Lebens diesen autoritären Staat zu verlassen? Warum sonst sind bis 1989 tausende Menschen auf die Straße gegangen?
Doch es gab eine kleine Freiheit, die im Sommer gefeiert wurde. Mehr noch, als bei uns im doch so aufgeklärten Westen. Das Nacktbaden muß im Osten so normal gewesen sein, wie man es sich hier im Westen nicht vorstellen kann.
Ich kann das gut verstehen…
…und jaja, ich weiß schon, was Ihr nun denkt: Männlich & schwul => kein Wunder, daß der Typ (…also ich…) das Nacktbaden befürwortet – Klischee, Klischee. Dabei verhält es sich ganz anders…
Als junger Mann war ich so wie es alle jungen Männer auch heute immer noch sind: In der Öffentlichkeit muß man performen. Zeigen, was für ein Kerl man ist. Männlich. Souverän, stark, unabhängig. Schwäche zu zeigen ging gar nicht. Es galt, alle Angriffsflächen zu verbergen, die einen bei anderen schlecht aussehen ließen. Und welcher Aufhänger zur Häme bietet sich bei Männern nicht besser an als der Bereich unterhalb der Gürtellinie?
Jeder Junge kennt das. Es beginnt schon in der Grundschule. Kinder können grausam sein, wenn es darum geht, andere Konkurrenten auf ihre eventuellen Makel zu reduzieren. Diese Erfahrungen brennen sich ein. Wir tragen sie mit in unser Erwachsenenalter. Gerade Männer mit einem schlechten Selbstwertgefühl. Männer also, wie ich früher.
Was keiner sieht, kann keiner verspotten. Deswegen verhindert man es tunlichst, sich vor anderen Menschen nackt zu präsentieren. Im Osten scheint das jedoch anders gewesen zu sein. Entweder, die Leute dort waren härter im nehmen, solche Verunglimpfung war sozial, oder gesetzlich untersagt, oder der gesellschaftliche Konsens war ein anderer. Das entzieht sich leider meiner Kenntnis.
Ich habe jedoch den Eindruck gewonnen, daß man mit dem „nackt sein“ zumindest auf diese Weise für einige Stunden die Zwänge des durchgetakteten Lebens in diesem Staat zusammen mit seiner Kleidung ablegen konnte. Die Meinung von ehemaligen DDR-Bürgern dazu würde mich sehr interessieren.
Falls es dabei auch um eine gewisse Art der Freiheit geht, kann ich das gut verstehen. Auch ich finde es befremdlich mich auszuziehen, damit meine Klamotten beim Bad im See nicht naß werden, um mich dann für das Bad im See wieder anzuziehen. Ganz zu schweigen davon, daß ich es extrem widerlich finde, einen nassen Fetzen Stoff zwischen meinen Beinen herumbaumeln zu haben, der oberdrein auch noch ein prima Erkältungs-Verstärker ist.
Erst gestern war ich am See. Eine Motorrad-Stunde von meinem Wohnort entfernt, und somit ein ideales Ziel für einen kleinen Ausflug.
Ich habe die Freiheit dort wieder erlebt. Man braucht nichts für ein erfrischendes Bad. Nur Dich selbst. Kein Handtuch, keine Badehose, kein Sonnenschirm, keine Kühlbox. Du parkst, gehst zum Ufer, ziehst Dich aus, und hüpfst ins kühle Naß. Schwimmst ein paar Runden. Genießt die Abkühlung. Und danach setzt Du Dich ans Ufer ins Gras. Läßt Dich von der Sonne trocknen. Ziehst Deine Klamotten wieder an, und machst Dich wieder auf den Weg. Kein Aufbauen. Kein Abbauen. Kein Verstauen eines SUP, oder einer Luftmatraze. Einfach nur hinfahren, schwimmen, weiterfahren.
Herrlich: So fühlt es sich an, frei zu sein!
Aber nicht nur deswegen schätze ich es, nackt zu baden. Beim trocknen am Ufer beobachte ich die anderen Leute. Ich habe den Eindruck, daß diese Community freundlicher, und offener miteinander umgeht. Vielleicht, weil wir alle schützenden Hüllen abgelegt haben. Vielleicht, weil wir eine Minderheit sind. Eine eingeschworene, aber trotzdem durchaus offene Gemeinschaft, die Neulinge nicht argwöhnisch betrachtet, und sich freut, wenn ein neues Gesicht auftaucht.
Für mich ist es in der Zwischenzeit komisch, andere beim Baden nicht nackt zu sehen. Zum einen finde ich es lächerlich, gerade bei uns Männern einen im Vergleich zum restlichen Körper kleinen Teil mit möglichst viel Stoff zu verdecken. Zum anderen … für Euch liest sich das bestimmt genauso komisch wie für mich, aber: Ich sehe gerne die anderen nackten Menschen um mich herum – auch die Frauen! Das hat nichts sexuelles an sich. Sondern eher eine einfach Natürlichkeit. Eine Art von kindlicher Unschuldigkeit. Ein Zeichen, daß wir alle doch aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Und dass jeder Mensch nackt gut aussieht, ganz gleich, wie er ist. Nicht schlechter, und nicht besser.
Hätten Leute wie der Wessi Herr Höcke mehr Mut dabei, sich bei den Menschen in Ostdeutschland anzubiedern, dann würde er mit ihnen zum Nacktbaden gehen, statt sich auf eine Simson zu setzen. Da aber leider auch im Osten diese Botschaft der Freiheit verschwindet, kann man wohl über diese Schiene auch dort keinen Blumentopf mehr gewinnen – Neo-Prüderie in komplett-Deutschland sein Dank.
Ich bin meinen Mitbürgern im Osten dankbar dafür, daß sie das Nacktbaden gesellschaftfähig gemacht haben, und ich drücke ihnen die Daumen, daß sie sich zumindst diese Freiheit auch in der Zukunft nicht nehmen lassen.
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