Alles. Für Dich. Für Mich.

„…und wenn die Stelle dann eh frei wird, könnte ich den Job ja übernehmen, oder?“

Fragend blickt mich der Schlosser an, während ich versuche das benötigte Ersatzteil in einer überfüllten Kiste zu finden.

Kurz vor Feierabend. Unerwartet quittiert eine Verpackungsmaschine ihren Dienst. Einer meiner Kollegen aus der Werkstatt, nennen wir ihn Klaus, hat alleine Spätschicht. Die Reparatur der Maschine ist sein Job. Eigentlich. Denn Klaus, der weder in seinem Beruf, noch darüber hinaus als Einstein bekannt ist, hat mich aufgrund fehlender fachlicher Kompetenz um Hilfe gerufen. Ich folge seinem Ruf – man(n) will ja kein Kameradenschwein sein.
Während ich versuche, das für die Reparatur benötigte Ersatzteil in einem Wust aus Plastiktüten in einer Kiste zu finden, werde ich von Klaus währenddessen in seine Gedankenwelt eingeweiht. Statt die anstehende Reparatur vorzubereiten erzählt er mir von seinen beruflichen Zukunftsplänen. Daß er seinen „Meister“ machen, und danach den bald aus der Firma scheidenden Abteilungsleiter beerben möchte. Während ich in Gedanken versunken mit beiden Händen die besagte Kiste durchwühle, erreicht der letzte Fetzen seiner Frage mein im Ruhemodus befindliches Gehirn. Verwirrt entfährt mir ein:
„Hähhh?“
„Naja…wenn Chris nächstes Jahr in Rente geht könnte ich mit meinem Meistertitel seinen Job übernehmen. Ich könnte eine ruhige Kugel im Büro schieben, mich bei Sitzungen mit Kaffee & Keksen versorgen lassen, und Euch in der Firma herumscheuchen. Und vielleicht handle ich sogar einen Dienstwagen heraus.“
Kurz unterbreche ich meine Suche, und fasse im Geiste die neu gewonnenen Eindrücke zusammen: Mein Kollege Klaus, der erst seit kurzem in diesem Unternehmen arbeitet, dort während seiner krankheitsbedingten seltenen Anwesenheit statt zu Arbeiten eine Zigarette nach der anderen raucht, und dabei seine Kollegen mit seinen Anekdoten von der Arbeit abhält, möchte aufgrund seiner, in seinen Augen, fachlichen Eignung Abteilungsleiter werden. Mir fehlen die Worte.

Wäre ich direkt, würde ich unumwunden seine Eignung für diese Stelle absprechen. Würde ihm erläutern, daß ich ihn für einen faulen Schlumpf halte, der es nicht schafft ohne fremde Hilfe ein gelbes Loch in den Schnee zu pinkeln, und er deswegen die wohl schlechteste Wahl für diesen anspruchsvollen Job ist. Daß die Unternehmensleitung komplett gehirnamputiert sein müßte, sollten sie ihn auf diesen Posten heben. Daß es eine schallende Ohrfeige für seine verdienten Kollegen wäre, sollte er tatsächlich diese Stelle bekleiden dürfen. Stattdessen halte ich inne, und erwidere ohne ihn dabei anzusehen:
„In den USA ist Donald Trump Präsident geworden. Warum also solltest Du nicht diesen Job bekommen?“
Wie zu erwarten entgeht Klaus die Botschaft zwischen den Zeilen.
Denn: Er freut sich!
„Gell? Du findest auch, daß ich einen guten Chef abgeben würde. So halt, wie der Trump in Amerika.“
Dying inside beschreibt auf Englisch daß, was in dem Augenblick in mir passiert.
Ich frage mich, warum Klaus so überzeugt davon ist, eine Granate in einer Führungsposition zu sein. Woher nimmt er die Zuversicht, mit zwei linken Händen, und einem mitteldurchschnittlichen arbeitenden Gehirn die Prüfung zu einem Handwerksmeister zu bestehen?
Die Antwort ist einfach: Er ist dumm.

Ganz schön arrogant, findet ihr? Ich halte mich wahrlich nicht für außergewöhnlich intelligent. Ich habe, so wie jeder Mensch, meine Stärken, und Schwächen. Ich weiß das. Klaus weiß das jedoch nicht.
Je älter ich werde, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, daß das geistige Niveau in der breiten Masse abnimmt. Die Menschen insgesamt dümmer, einfältiger, unkreativer, und geistig unbeweglicher werden. Anders kann ich es mir nicht erklären, warum man bei ganz offensichtlichen Problemen, bei denen die dazugehörigen Lösungen bekannt sind, diese trotzdem nicht umsetzt. Das passiert derzeit gehäuft auf allen Ebenen.

In dem Zusammenhang fallen mir im Internet entdeckte Artikel ein, die ein signifikantes Absinken des Leistungsniveaus in den Schulen aufzeigen. Als Gegenmaßnahme sollten die Anforderungen an die Schüler gesenkt werden. In wie weit das in welchen Bereichen tatsächlich passiert, entzieht sich meiner Kenntnis. Bemerkbar ist jedoch, daß man für bestimmte Anforderungen immer seltener qualitativ geeignetes Personal zu finden scheint. Sei es bei der Suche nach einer kompetenten Autowerkstatt, einem Arzt, oder einem Heizungsmonteur. Selbst in den Führungsebenen von großen Unternehmen, oder in der Politik sind immer seltener Menschen mit einem normalen Maß an gesundem Menschenverstand anzutreffen. Diese Entwicklung beunruhigt mich. Ja, sie verängstigt mich sogar. Damit scheine ich zu einer schrumpfenden Gruppe zu gehören. Doch wie umgehen mit diesem Umstand?

Wenn ich ehrlich bin, beneide ich Menschen wie Klaus. Leute wie er haben keine Minderwertigkeitskomplexe. Sie machen sich keine Gedanken über Geld, über die politische Lage, oder den Klimawandel. Sie finden sich mit einfachen Antworten ab, die ihnen von einfach denkenden Menschen geliefert werden. Sie hinterfragen nicht.
Ich jedoch frage mich, ob man das lernen kann. Wäre das Leben dann nicht viel einfacher? Wenn es aber tatsächlich möglich wäre Dummheit zu lernen, wäre ich nicht sicher, ob ich es auch tatsächlich wollte. Mir erginge es vermutlich wie Neo im ersten Teil der Matrix-Trilogie, der im Gegensatz zu einem seiner Gegenspieler Cypher („Unwissenheit kann ein Segen sein.“) die grausame Realität der leichter zu akzeptierenden Traumwelt vorzieht.
Meiner Meinung nach gehen Dummheit und Faulheit Hand in Hand. Wer nicht den Ehrgeiz hat sich weiterzuentwickeln bleibt dumm. Vielleicht muß man also nur in Lethargie verfallen, und lange genug warten? Ich werde es nicht ausprobieren – und komme somit vermutlich nie in den Genuß zu sehen, wie einfach das Leben sein kann.

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