Alles. Für Dich. Für Mich.

In unserer Arbeitswelt hat sich etwas Grundlegendes verschoben. Etwas, das von vielen nicht wahrgenommen, oder aber ignoriert wird.


Etwas, daß uns noch große Probleme bereiten wird.

Das hier ist keine Neid-Debatte. Auch keine der oft zitierten Alt-gegen-jung-Diskussionen. Es ist eine Bestandsaufnahme einer Evolution in der Arbeitwelt. Eine Veränderung, die dem Mainstream folgt. Einer Folge eines Wunschdenkens in einer Welt, in der angeblich alles möglich ist.
In einer konkurrenzlosen Gesellschaft könnte das sogar funktionieren. Dann, wenn alle sich einig, und damit einverstanden wären – eine Utopie. Doch die Zeit wird uns einholen. Bis zum Zusammenbruch des Systems.

Ich bin Handwerker. Arbeite seit über 30 Jahren im gleichen Unternehmen. Immer noch im Blaumann. Selten im Büro. Warum?
Weil es mir Spaß macht!
Der Grund, warum ich einen handwerklichen Beruf erlernt habe.
Das hat sich für nachfolgende Generationen geändert.

Mein Arbeitgeber bildet aus. Auch in der Technik. Einige Schulabgänger erlernten dort den Beruf des Mechatronikers. By the way: Eine furchtbar nichtssagende Berufsbezeichung.
Meine Arbeit in der Werkstatt sollte dadurch leichter geworden sein: Junge Arbeitskräfte für die Instandhaltung, die Bestager wie mich unterstützen, und ergänzen sollten. Gerade deswegen wichtig, da wir alle älter werden. Älter, und weniger leistungsfähig. Ein Fakt, der jeden von uns trifft. Alles eine Frage der Zeit.
Eine Win-Win-Win-Situation sollte sich so einstellen. Beide Generationen lernen voneinander. Die Jungen von der Erfahrung der Alten. Die Alten von den Neuerungen der Moderne. Frisches Denken trifft auf Altbewährtes. Hat seit Dekaden perfekt funktioniert, und Unternehmen voran gebracht.

Die Entwicklung geht jedoch seit einigen Jahren in eine andere Richtung. Die ehemaligen Azubis meiner Abteilung haben längst das Weite gesucht. Stehen nun nicht mehr an der Werkbank. Sondern sitzen in irgendwelchen Büros. Hier, oder in anderen Unternehmen.

Warum ist das so?

Wer nicht sofort nach der Schule mit einem Studium beginnt, startet eine Ausbildung. In meiner Jugendzeit, weil einem ein Beruf auch eine Berufung war. Eine Tätigkeit, welche den eigenen Interessen entspricht. Mit dem Zukunftsversprechen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht möglichst jeden Tag in die Arbeit zu gehen. Deswegen, weil man Spaß daran hat.
Doch das hat sich geändert.

Prioritäten der neuen Arbeitswelt lauten:

  • Möglichst viel Geld…
  • …mit möglichst wenig Aufwand…
  • …in einem möglichst angenehmen Umfeld zu verdienen.

So haben wir das unseren Kindern beigebracht.
Mit Aussagen wie:
„Du möchtest doch wohl nicht Dein Leben lang mit öligen Fingern unter einem Auto stehen?“
oder
„…jetzt macht Dir das bestimmt noch Spaß. Aber denk auch mal an Deine Zukunft! Ich kann mir nicht vorstellen, daß Du mit 50 Jahren noch auf einen Dach herumklettern möchtest.“

Die Politik hat das unterstützt. Jahrzehntelang Ausbildungsberufe abgewertet, und ein Studium als Maß aller Dinge propagiert. Dieses Gedankengut hat sich manifestiert. Kaum ein Schulabgänger strebt noch eine Ausbildung an. Wenn, dann nur als Sprungbrett zu Höherem. Zu einem Ort, der jedoch zukünftig nicht allen Platz bieten wird.

Keiner meiner ehemaligen Azubis arbeitet noch in dem erlernten Beruf. Alle haben gleich nach der Ausbildung eine weiterführende Schule besucht. Praktische Erfahrungen sammeln war früher. Ein vermutlich unnötiger Schritt in der beruflichen Entwicklung.
Einer hat sein Studium nachgeholt. Drei weitere haben eine Weiterbildung zum Techniker gemacht, die das Unternehmen bezahlt hat. Für die Arbeiten an der Basis stehen diese ehemaligen Kollegen nicht mehr zur Verfügung. Einer der Azubis ist nun mein Vorgesetzer. Dreißig Jahre jünger als ich sitzt er nun im Büro. Ein junger, intelligenter, durchtrainierter Mann in der Blüte seiner körperlichen, und geistigen Fähigkeiten. Was ihm jedoch keine Schule der Welt vermitteln kann sind Erfahrungswerte im beruflichen, und zwischenmenschlichen Bereich.

Ist das die Zukunft? Sind das die perfekten Vorgesetzten?

Ich stelle mir die Frage, wie sich diese Sache weiterentwickelt.
Immer mehr junge Menschen werden solche Jobs anstreben. Die nachfolgenden Generationen jedoch ebenso. Woher sollen in Zukunft also die Menschen kommen, denen sie Vorgesetzte sein können? Was passiert in einer Welt voller Ingenieure, Abteilungsleitern, Meistern, und Akademikern, denen das gemeine Fußvolk ausgeht?

Meiner Meinung nach folgt der Arbeitsmarkt derzeit noch diesem Trend. Anstatt sich Menschen für eine funktionierende Wirtschaft, und einen stabilen Staat heranzuziehen, werden für die vorhandenen, und kommenden Arbeitskräfte die Stellen geschaffen, die ihrer Ausbildung entsprechen. Vermutlich einer der Gründe, warum die Organisation von einfachsten Arbeiten so verkompliziert wird, daß möglichst viel Arbeitsaufwand in Verwaltungen generiert werden kann. Vermutlich auch der Grund, warum die Sache mit dem viel genannten Bürokratie-Abbau in Deutschland nicht funktionieren wird. Wie wir wissen, hackt eine Krähe einer anderen kein Auge aus. Der Klüngel im Bundestag ist dafür ein gutes Beispiel.

Ich befürchte, daß nur ein einschneidendes Geschehen dieser Entwicklung Einhalt bieten wird. Anzunehmen, daß seitens der entsprechenden Stellen gegengesteuert wird, ist meiner Erfahrung nach naiv.

Leider.

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