
Freunde – ein Begriff, der in der heutigen Zeit inflationär Verwendung findet. Es reicht meist schon, sich einen User bei social media zu merken, um bei diesem in der Timeline als „Freund“ registriert zu sein.
Einen Freund zu haben ist jedoch etwas völlig anderes. Das wissen auch Filmschaffende, und übergossen uns in der Vergangenheit im Überfluß mit Idealbildern, die uns zeigen sollten, wie eine richtige Freundschaft zu sein hat.
Hollywood ist im Grunde genommen einen Gelddruckmaschine. Was unter dem Aspekt von Kunst begann, machte die Filmindustrie, und deren Besitzer reich. Der Druck, Filme nicht nur aus Leidenschaft zu drehen, sondern damit auch möglichst erfolgreich zu sein, ist immens. Kein Wunder. Wird der Erfolg eines Streifens, oder einer Serie daran gemessen, wie viele Menschen sich dieses Werk angesehen haben. Viele Zuschauenede bedeuten viele Einnahmen. Egal, ob über ein Kinoticket, ein Stream-Abo, oder über Werbung. Oft wird der Erfolg über Klickzahlen definiert, was Dank künstlicher Bots meiner Meinung nach jedoch keine Aussagekraft mehr hat.
Um einen erfolgreichen Film abzuliefern greifen Filmschaffende gerne auf Mittel zurück, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, und die unsere ureigensten Instinkte ansprechen: Liebe, Drama, Mitleid, Wut – und Freundschaft.
Jeder wünscht sich einen Haufen Freunde. Menschen, mit denen man Interessen teilt, und die einem charakterlich ähnlich sind. Auf die man sich verlassen kann, und die einem in schweren Stunden zur Seite stehen. Freunde sind nichts anderes als ein gesuchter & gefundener Familienersatz. Der Garant dafür, der unbarmherzigen Welt, die uns umgibt, nicht alleine die Stirn bieten zu müssen. Wenn man es unschön ausdrücken wollte, könnte man Freunde auch als Ersatz für die Eltern, als Lebenskrücke, oder mentalen Rettungsanker bezeichnen.
Wir sind nicht zum alleine sein bestimmt. Wie Hühner brauchen wir eine Gruppe, der wir uns anschließen können. Damit wir einen festen Platz in dieser Welt haben. Eine Community, in der wir uns wohl fühlen, und wo wir so akzeptiert sind – so, wie wir sind. Egal, ob CSD-Verein, oder Neo-Nazi-Gruppe: Jeder sucht sich die Freunde, die den eigenem Selbst am nächsten stehen.
Filmemacher wissen das. Der Erfolg von Serien wie ‚Friends‘, ‚Golden Girls‘, oder ‚Desperate Housewifes‘ kommen nicht von ungefähr. Die Charaktäre lehrten uns, daß es nichts Schöneres gibt, als Freund zu haben, die mit einem durch dick, und dünn gehen. Jeder wünscht sich so etwas: Einen Ort, wo man auf den anderen achtet, und wo man geachtet wird. Wo man willkommen ist. Wo man sich über einen freut. So, wie die Freunde von Robin Hood.
Solche Menschen findet man jedoch nicht an jeder Straßenecke. Jeder Mensch ist anders, und nicht alle Menschen sind miteinander kompatibel. Doch das ist vermutlich nicht der einzige Grund, warum ich nur wenige Menschen als meine Freunde bezeichnen würde. Beim Aufkeimen meiner Homosexualität habe ich mich von anderen Menschen fern gehalten. Das war für meine Sozialisierung sicherlich nicht förderlich. Ich habe mich mit dem „allein sein“ arrangiert. Überwiegend fällt es mir leicht, Zeit ohne andere Personen in meiner Nähe zu verbringen. Oft gehen mir andere Menschen sogar auf die Nerven, wenn sie mir zu lange, oder zu oft zu nahe kommen. Doch ich bin kein Menschenfeind. Auch ich bin gerne in Gesellschaft. Auch ich brauche soziale Kontakte. Ein Leben ganz ohne Freunde würde auch mir sicherlich schwer fallen.
Es braucht jedoch kein Außenseitertum, um sich von anderen Menschen zu entfremden. Zu Beobachten ist seit einigen Jahren ein Trend des Individualismus. Ein Livestile, der das Neu-Kennenlernen anderer schwieriger macht. Unsere Ansprüche an Freunde steigen dadurch. Unsere Schmerzgrenze bei Eigenschaften anderer Menschen, die uns nicht in den Kram passen, sinkt. Aufgrund dessen brechen wir schneller den Kontakt zu jemanden ab, wenn bei demjenigen/derjenigen nicht alles so perfekt ist, wie wir es uns erwarten.
Wenn wir jetzt eine Freundschaft zu anderen Personen eingehen wollen, soll diese bitte genauso perfekt sein wie die im Fernsehen, im Kino, oder im Internet. Eine Vorstellung, die jedoch nicht mit der Realität Stand halten kann. Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Nach einigen Fehlversuchen sinkt aufgrund der hohen Erwartungen an die andren, und die negativ gemachten Erfahrungen die Bereitschaft, weitere Versuche zu unternehmen, neue Menschen in sein Leben zu lassen.
Auch das steigende Alter spielt eine Rolle. Das merke ich bei mir selbst. Es fällt mir schwerer, mich auf komplett neue Verhaltensmuster bei anderen Menschen einzulassen. Häufig ist es mir zu anstrengend, Zeit und Energie dazu zu verwenden, andere zu verstehen, oder mich anzupassen. So wie mir, wird es sicherlich auch anderen Bestagern ergehen.
Ich glaube, daß nicht jeder Mensch, der einem im Leben begegnet, dafür geeignet ist, ein richtiger, verlässlicher Freund zu werden. Es ist vielmehr wie bei der Liebe. Auch dieses Geschenk wird einem selten zu Teil. Deswegen denke ich, daß es bei Freundschaften Sinn macht, seine Erwartungen wieder auf ein realitätsnahes Maß herunter zu schrauben, und sich nicht an dem zu orientieren, was man im Fernsehen, und Kino zu sehen bekommt: Eine Illusion.
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