Alles. Für Dich. Für Mich.

Ich bin nicht immer zu Hause. Oft bin ich unterwegs. Zur Arbeit. Mit dem Motorrad. Übers Wochenende irgendwo. Doch jedes Mal, wenn ich mein Haus verlasse, kontrolliere ich alles. Ob ich das Wasser im Garten abgedreht habe. Ob die Haustür verschlossen ist. Ob die Fenster zu sind, und das Haus für ein Unwetter geschützt ist. Vor allem aber kontrolliere ich, daß es meiner Katze gut geht.

Ursprünglich waren sie zu zweit. Meine aktuelle Katze, und ihre Tochter. Die Tochter ist leider letztes Jahr verstorben – Krebs. Nach fast zwei Jahrzehnten mußte ich sie einschläfern lassen. Es war einer der schlimmsten Tage in meinem Leben. Glaubt mir: Ich hatte schon sehr viele schlimme Tage. Es war, als würde ich mein Kind einschläfern lassen. Aber wenigstens ist die Mutter-Katze noch da. Ich freue mich jeden Tag, wenn ich sie wieder sehe, und sie mir auf ihre unkonventionelle Weise ihre Liebe schenkt. Zum Beispiel, in dem sie mir ihre gefangenen Mäuse präsentiert, bevor sie sie frißt. So, als wollte sie mich fragen, ob ich nicht vielleicht doch Lust auf eine appettitliche Maus hätte. Oder, wenn sie mir im Bad um die Füße schleicht, und nach einer Streicheleinheit verlangt. Ich weiß, wir zwei haben eine innige Verbindung seit dem Tag vor über 20 Jahren, als sie mir als kleines, einsames Kätzchen über den Weg gelaufen ist. Liebe! Ganz simple. Und ja: Ich liebe dieses Tier auch. Wir zwei sind wie der Rest einer kleinen Familie. Sie verläßt sich auf mich. Und weil ich sie liebe, und deswegen nur ihr Bestes will, kontrolliere ich alles, bevor ich das Haus verlasse. Ob genug zu fressen, und frisches Wasser bereit steht. Ob von Gegenständen im, und außerhalb des Hauses Gefahr droht. So, daß ich sicher sein kann, daß es ihr gut geht. Denn dabei geht es doch, wenn man jemanden lieb hat: Das man Verantwortung übernimmt, und darauf achtet, daß es dem anderen gut geht.

Zwischen Mensch und Tier ist das einfach. Zwischen Menschen vielleicht nicht?

Ich arbeite in einem Unternehmen mit vielen Menschen verschiedener Herkunft zusammen. Eine Tatsache, die ich immer als Bereicherung erlebt habe. Dank dem Wirtschaftsliberalismus in den letzten Jahrzehnten kamen vermehrt Menschen aus „ärmeren“ Ländern zu uns. Höhere Einnahmen lockten Menschen aus osteuropäischen Ländern nach Deutschland. Nach Polen, und Tschechen folgten Menschen aus Rumänien, und Bulgarien.
In meiner Abteilung arbeitet ein Mann aus Rumänien. Dem geltenden Klischee entspricht dieser Mann jedoch nicht – genauso, wie die meisten anderen Menschen, die ich bisher kennenlernen durfte. Eine Sache jedoch hat mich sehr verwundert…

Er hat einen Sohn, der nun sechs Jahre alt sein dürfte. Das einzige Kind der Familie. Der ganze Stolz des Papas. Vor einigen Wochen saßen wir in der Arbeit bei einer Kaffeepause zusammen. Mein rumänischer Kollege, ein Kollege aus Mosambik, und ich. Wir unterhielten uns über alles mögliche. Flaxten herum, und zogen uns gegenseitig mit den üblichen Länder-Vorurteilen auf. Für Außenstehende mögen sich diese Gespräche übel anhören. Wir jedoch kennen die Grenze zwischen Spaß und Beleidigung, und überschreiten diese nicht. Es ist sehr lustig, und oft, wie ein gelungener Dialog in einer Sitcom im TV – nur ohne das Lachen, und Klatschen im Hintergrund.

Im Laufe des Gesprächs kamen wir auf das Thema Homosexualität. Ich glaube, wegen der CSD´s, die überall stattfanden. Für mich als schwuler Mann das Normalste der Welt. Andere Leute gehen für ihre Überzeugung auf die Straße. Für mich easy. Für meinen Kollegen nicht.
Er mag keine queeren Menschen. Er weiß nicht, daß ich schwul bin. Ich weiß, daß gerade Menschen aus Osteuropa oft Schwierigkeiten damit haben. Deswegen halte ich mich in der Arbeit bedeckt. Dennoch bin ich in die Diskussion mit meinem Kollegen eingestiegen. Ich wollte wissen, was daran so schlimm ist, wenn sich zwei Menschen lieben. Egal, ob sie unterschiedliche, oder das gleiche körperliche Geschlecht besitzen.
Ein Grund für seine leichtfertige Ablehung queerer Leute scheint eine menschliche Eigenart zu sein: Der Glaube, es betrifft einen selbst nicht. Den Lungenkrebs vom Rauchen bekommen schließlich auch immer nur die anderen, oder? Ein Trugschluß! Um meinen Kollegen mit der Nase drauf zu stoßen fragte ich:

„…ja, und was machst Du dann, wenn Dein Sohn irgendwann mal zu Dir kommt, und sagt:
Papa, ich muß Dir was erzählen. Ich habe mich in einen Mitschüler verliebt. In einen anderen Jungen. Ich glaube, ich bin schwul.
Das ist nicht unwahrscheinlich, und kann theoretisch passieren. Was würdest Du denn dann machen?

Mein Kollege war still. Über diese Frage hatte er wohl noch nie nachgedacht. Offenbar kam sie ihm so unwahrscheinlich vor, daß sie ihm bisher keinen Gedanken wert war. Die Antwort, die er mir gab, überraschte, und entsetzte mich zugleich – und das bis zum heutigen Tag. Nach einer Weile sagte er leise:

„Ich weiß auch nicht, was ich dann tun würde.“

Ernsthaft?!? Ich war fassungslos! Ich erkannte, daß mein Verständnis von Liebe nicht universell, und massenkompatibel zu sein scheint. So, wie ich es bei anderen Lebenwesen auf diesem Planeten anwende. So, wie ich es auch bei meiner Katze anwende. Nämlich, daß ich möchte, daß es der/demjenigen, den ich liebe, möglichst gut geht, und ihr/ihm kein Schaden droht. So simple is that! – das dachte ich zumindest.

Ich hoffe, daß mein Kollege das nicht erst gemeint hat. Daß er in dem erdachten Fall seinen Sohn mehr liebt, als die Vorurteile, die ihm offenkundig seit seiner Kindheit ins Gehirn geimpft worden sind. Daß ihm das hohle Geschwätz anderer Leute egal ist, und er im Falle eines Falles untrennbar zu seinem Sohn hält – wen immer dieser auch lieben mag. Hoffentlich!

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