Alles. Für Dich. Für Mich.

Quentin Tarantino – eine Legende.
Zweifacher Oscar-, und dreifacher Golden-Globe-Preisträger, sowie Gewinner der Goldenen Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.
Mich wundert´s.
Das mein Geschmack meist nicht dem Mainstream entspricht, ist nichts Neues. Doch so abgedreht wie Tarantinos Filme sind, müßten sie mir doch eigentlich gefallen, oder?
Oder eben auch nicht!

Die Zeit, in der mich action-geladene Filme erfreut haben, liegt schon lange zurück. Dort bin ich über meinen ersten Tarantino-Film gestolpert: Pulp fiction war für mich noch halbwegs ertragbar. Dort hielten sich grausame Szenen mit einer gewissen Situationscomic die Waage.
Vor einem Jahr abends jedoch bin ich auf ein anderes Movie von ihm gestoßen: „Once Upon a Time in Hollywood“. Ein in meinen Augen mißglücktes Filmprojekt, daß auch durch bekannte Schauspieler nicht besser wird, und dessen langweilige Handlung am Schluß von einem unappetitlichen Gewaltexzeß gekrönt wird.
Gerade das Ende dieses Films stört mich. Oder besser gesagt, ich war über die kleinteilige, und präzise Zurschaustellung des blutigen Gemetzels schockiert! Die fast schon obszöne Darstellung von Gewalthandlungen finde ich absolut abstoßend! Da jedoch sehr viele Menschen die Arbeit dieses Genies bewundern, und offenbar keine Probleme mit dieser Art der Darstellung von abartigsten Gewaltfantasien haben, wundert es mich nicht, daß die Menschheit in der realen Welt immer weiter verroht.

Die Hemmschwelle bei der Anwendung von körperlicher Gewalt sinkt. Schaut man sich die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 bei den Gewaltverbrechen an, wird dieser Eindruck untermauert. Selbst dann, wenn der Wert im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken ist.
Gewalt ist allgegenwärtig. Mord und Totschlag schon im Vorabendprogramm ist für uns normal. Abartige Videos auf social media sind an der Tagesordung, und werden leider schon von den Jüngsten der Gesellschaft konsumiert – mangelnde Regelungen der Politik sein Dank!

Doch es gibt auch eine andere Seite. Nämlich dann, wenn es konkret wird. Wenn man selbst betroffen ist. Wenn man etwas live miterlebt. Wenn nicht die Schutzschicht eines Flatscreen zwischen einem, und dem Geschehen liegt. Wenn man Gewalt „erlebt“.
Die gruselige Faszination des Dahinsiechens, die einem sonst womöglich mit einem Schulterzucken, oder einem wohligen Schauer zurückläßt, verwandelt sich in Entsetzen.

Eine sympathische, junge Frau, angehende Veterinärin, die eine halbe Stunde den automatisierten Schlachtprozesses in einem modernen Schlacht-, und Zerlegebetrieb beiwohnte, hatte Nächte lang nach diesem Besuch Alpträume. Deswegen, weil sie das Gesehene erst verarbeiten mußte. Weil sie hautnah miterlebt hat, wie lebendige Wesen ihren letzten Atemzüge machen, und nur kurze Zeit später als Schlachtkörper in einem Kühlraum hängen. Das Leben ist kein Ponyhof. Eine Einsicht, die man beim Griff ins Kühlregal im Supermarkt nicht bekommt.
Früher (…ja: Jetzt kommt der alte, weiße Mann wieder zum Vorschein…) waren die Menschen solche Anblicke gewohnt. Wenn man als Kind in einem Dorf auswuchs, in dem es Bauernhöfe gab, war das nichts Außergewöhnliches. Es gab keine, oder nur wenige Bildschirme. Dafür reale Erlebnisse. Die Menschen verstanden, daß es nötig war, eine Tier zu töten, wollten sie ihren Hunger an dem Fleisch stillen. Es war damals nicht schöner als heute. Aber man wußte um die Notwendigkeit, und arrangierte sich damit. Fressen, und gefressen werden. Der Mensch an der Spitze der Nahrungskette in der neuen Zivilisation. So wie damals, auch heute nicht schön anzuschauen. Aber nicht verhinderbar, solange Menschen nicht komplett auf den Genuß von tierischen Erzeugnissen verzichten.
Im Gegensatz zu früher wollen wir das heute jedoch nicht mehr sehen. Solche unangenehme Dinge blenden wir aus. Warum sollte man sich auch mit so etwas beschäftigen, wenn man durch den Einzelhandel Wurst und Fleisch in sterilen Hochglanzverpackungen präsentiert bekommt? Ich glaube, die wenigsten von uns sind aktuell besonders scharf darauf, sich den Werdegang eines zur Schlachtung bestimmten Tieres vom Anfang bis zum Ende mitanzusehen.

Gewalt, Sterben, und der Tod sind auf der Leinwand kurioserweise für viele Menschen etwas anderes. Selbst, wenn es im realen Leben passiert, und in den Nachrichten zu sehen ist. Menschen wie Tarantino & Co, die fiktive Gewalt in Filmen verwursten, werden zu gefeierten Stars, obwohl die dort gezeigten Szenen genauso für Abscheu bei uns sorgen sollten, wie die Bilder eines Tieres im Schlachthof.
Für mich ein Gegensatz, dessen Enden ich im Geiste nicht zusammenführen kann. Ein Bekannter von mir nannte dieses Verhalten „selektive Wahrnehmung“. Ich finde, daß beschreibt dieses menschliche Phänomen sehr gut. Gut heißen kann ich diese Entwicklung jedoch nicht. Zeigt sie mir doch, daß wir uns immer weiter von einer realen Welt zu entkoppeln scheinen. In meinen Augen ein Umstand, der uns zukünftig noch große Probleme bereiten wird.

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