Alles. Für Dich. Für Mich.

Arbeit – für die meisten Menschen in unserem Kulturkreis eher eine lästige Notwendigkeit. Warum würden sich sonst so viele Menschen viermal pro Monat auf zwei freie Tage freuen? Ja, es stimmt: Arbeit ist mehr als Geld-verdienen. Arbeit strukturiert den Tag. Gibt einem eine Aufgabe. Liefert Selbstbestätigung. Macht vielen Menschen Freude.
Doch die Arbeitswelt befindet sich im Wandel. Nicht urplötzlich. Der Prozeß ist schon seit Generationen aktiv.

Während bei meinen Urgroßeltern Arbeit noch ein Privileg war, welches einem im wahrsten Sinne das Überleben sicherte, hat die Arbeit in der heutigen Zeit diesen Stellenwert verloren. Ähnlich anderer gesellschaftlicher Werte verliert Arbeit gerade für die arbeitende Bevölkerung an Bedeutung. Diesen Prozeß beobachte ich seit Jahrzehnten.

Anerzogen

„Du mußt Dich anstrengen!“
„Gib Dir Mühe!“
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre.“
„Von Nichts kommt Nichts!“
Jeder meiner Generation kennt diese Sätze. Ausgesprochen von ‚Erwachsenen‘. Menschen, die ich als Kind bewundert habe. Weil sie etwas konnten. Oder etwas wußten. Mit Händen, oder dem Geist Dinge erschaffen konnten. Selbstbewußt. Souverän. Unabhängig.
Ich strebte ihnen nach. Wollte auch ‚etwas können‘. Wollte, daß spätere Generationen mich so dafür bewunderten, wie ich als Kind diese ‚Erwachsenen‘ bewunderte.
Sich so zu entwickeln kommt nicht von allein. Das haben mir ‚Erwachsene‘ beigebracht. Man mußte dafür immer sein Bestes geben. Fleißig sein. Pünktlich. Höflich – vor allem zu älteren Menschen. Um damit ihre Lebensleistung anzuerkennen. Das leuchtete mir damals ein, und tut es noch immer.
Also tat ich das, war ich gelernt hatte. In meinen persönlichen Grenzen habe ich versucht, mein Bestes zu geben. Nicht immer, aber meistens. Schon in der Schule. Und später natürlich auch in der Ausbildung. Auch in meiner Arbeit – gerade in meiner Arbeit.
Nichts wäre mir peinlicher gewesen, als von anderen als inkompetent entlarvt zu werden. Dann lieber tiefstapeln. Andere mit unerwarteten Fähigkeiten überraschen. Positiv auffallen. Anerkennung bekommen. So habe ich es gelernt. Es ging es mir in Fleisch und Blut über.
Heute jedoch ein Manko, denn die Arbeitswelt hat sich verändert.

Abgewöhnt

2026. Ich verändere mich. Meine Art zu arbeiten auch. Warum, fragt ihr?
Erfahrungen – hier eher negative. Bis zu einem unbestimmbaren Zeitpunkt verlief alles nach Plan. Ich war stets fleißig, stets pünktlich. Habe mich in Projekte gekniet. Überstunden geleistet. Mich weitergebildet.
Die Zeit verging, und Generationen neuer Arbeitnehmer rückten nach. Menschen, denen offenbar andere Werte vermittelt wurden. Werte, welche ich oft nicht verstehe. Und ja: Manchmal fühle ich mich alt.
In seinem Job eine gute Leistung abzugeben wurde zur Nebensächlichkeit. Nicht nur für den Ausführenden, auch für seinen Vorgesetzten. Es zählt der Eindruck, nicht das Können. Performance schlägt Leistung.
Arbeitszeit in fragwürdigen Sitzungen zu verbrennen ist angesehener als Produktivität. Wenn Du es geschafft hast, Dein Werkzeug gegen einen Kugelschreiber zu tauschen, bist Du oben angekommen. Die Basisarbeit, für die offenkundig keine Qualifikation nötig ist, dürfen die ‚Ausländer‘ machen – vorausgesetzt, wir schieben nicht alle ab.

Es verwundert mich nicht, daß statt Leidenschaft und Eignung für viele Schulabgänger die Höhe des Gehalts, und der Fashion-Faktor eines Jobs den Ausschlag für eine angestrebte Karriere geben. Lange genug wurde ihnen vorgelebt, daß Menschen ohne Studium diejenigen sind, die es in ihrem Leben zu nichts bringen werden.
Junge Menschen sind ein Produkt ihrer Zeit. Erzogen von uns! Wer sich heute über die Jugend beschwert, darf nicht vergessen, wer ihnen ihr Wissen, ihre Einstellungen, und ihre Werte vermittelt hat. Das war nicht ’nur‘ social media, youtube, und instagram.

Konsequenz

Ich hadere mit mir. Zum Teil verstehe ich diese Entwicklung. Habe ich nicht selbst oft genug erlebt, daß die Tugenden, die mir von ‚Erwachsenen‘ beigebracht worden sind, mich zumindest in der beruflichen Karriere nicht voran gebracht haben. Zum Glück macht mir meine Arbeit immer noch Spaß, auch wenn es mit steigendem Alter schwieriger wird, manche Dinge so zu erledigen, wie früher.
Was ich jedoch nicht verstehe, ist das alleinige Streben nach Reichtum – ein Zustand, der durch den eigenen Beruf erlangt werden soll – egal, welchem. Hauptsache, wenig Anstregung, wenig Verantwortung, viel Spaß, und wenn´s geht, mit Dienstwagen.

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